Gedanken zum Singen in christlicher Gemeinschaft

Gedanken zum Singen in christlicher Gemeinschaft – Ein Beitrag von Martin Damm

Das Gedenken an den Liederdichter Paul Gerhardt anlässlich seines 350 Todestages in St. Martini hat einen tiefen Eindruck hinterlassen. Vor allem haben viele Christen, die diese Feier miterlebt haben, ihre Freude daran gehabt, so viele Choräle mitzusingen. Das war für mich der Anstoß, ein paar Gedanken zum Gemeindegesang auszugraben.
Woran liegt es, dass gemeinsames Singen eine so besondere Erfahrung darstellt?
Im Einsatz der menschlichen Stimme kommt seine Seele zum Ausdruck. Schon am Telefon kann man an der Stimme des Gegenübers meist hören, ob es ihm gut geht, oder nicht. Wenn das beim gesprochenen Wort schon so ist, wieviel mehr Möglichkeiten bietet die Musik! Die Seele aber ist ein Geheimnis. Woher kommt sie, wo hat sie ihren Platz und wo bleibt sie, wenn unsere Sinne schwinden? Alle kennen Wilhelm Busch: „Die Seele schwingt sich in die Höh‘, der Leib bleibt auf dem Canapé.“ Ist die Seele unsterblich? Das zu denken, liegt nahe, wenn man sich die Ewigkeit mit erlösten Menschen vorstellt. Wenn ich es bin, der in Gott geborgen ist in Zeit und Ewigkeit, dann könnte die Seele ja das sein, was sich aus der untergegangenen Welt hinüberrettet. Naturwissenschaft hat bisher in ihrer Forschung keinen Ort der menschlichen Seele gefunden. Die biblische Überlieferung berichtet: „Gott blies Adam seinen Odem in die Nase und so wurde der Mensch eine lebendige Seele.“
Die Worte Wind und Geist sind im Alten und Neuen Testament jeweils dieselbe Vokabel. Der Atem ist der Lebenshauch. Der Herzschlag und die Atmung sind untrügliche Zeichen, dass Leben im Menschen ist. Was ein Mensch schon im Mutterleib hört, ist der Herzschlag der Mutter und ihre Stimme. Lange bevor er Luft holt oder seine Stimme schallen kann, hört er sie von seiner Mutter. Das Schlagen des Herzens kann man im Ultraschall sehen. Wird der Mensch geboren und beginnt die Lunge ihre Tätigkeit, geschieht es meist mit kräftigem Schreien. Junge Eltern wundern sich, mit welcher Ausdauer die Stimmwerkzeuge eines so kleinen Wesens zum Einsatz kommen. Babies werden nicht heiser. Sie müssen sich nicht einsingen, sie bringen die elementare Lebensäußerung beharrlich zum Einsatz, um die Fürsorge der Mutter zu gewinnen. Hat man die geweckt, kommt die Versorgung und bald ein seliges Lächeln ‚wie ein satter Säugling‘. Gestillt bringt ein Schlaflied der Mutter das Kind zur Ruhe.
Was hat das mit Gemeindegesang in der Kirche zu tun? Er ist auch zunächst einmal der Einsatz der natürlichen Stimmwerkzeuge. Die können der Seele Ausdruck zu verleihen. Gemeindegesang ist aber kein Solo. In der Gemeinschaft der Kinder Gottes singen Christen vor ihrem himmlischen Vater und als Geschwister Jesu Christi um ihn versammelt. Das findet geordnet statt und nicht spontan. Ein Text, eine Tonhöhe und ein Tempo sind vorgegeben. Das führt dazu, dass man gemeinsam atmet, hört und singt und bei Text auch den Wortsinn gemeinsam bedenken kann. Das bietet die Möglichkeit, als Einzelner nicht in einer Masse unterzugehen, sondern seinen Platz in einer Gemeinschaft einzunehmen. Diese Erfahrung weist über sich selbst hinaus: Teil zu nehmen und Teil zu sein einer Gemeinschaft; sich als Individuum nicht aufzugeben sondern sich einzubringen und so nicht einsam zu sein.
Es lohnt sich, das gemeinsame Singen zu pflegen, denn es hat Dimensionen, die weit über den Genuss musikalisch begabter oder künstlerisch ausgebildeter Liebhaber hinausgehen.
St. Martini Stadthagen kann über das Angebot, den gemeinsamen Gesang zu pflegen, sehr dankbar sein.

 

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